Das Manifest

Die Zeit ist reif!

Das Viertel zwischen Lendplatz und Südtirolerplatz hat in den letzten zehn Jahren eine starke Veränderung durchgemacht. Dabei ist eine spezielle Dynamik entstanden, die den Stadtteil zu einem Ort für interessante Begegnungen, spannende Auseinandersetzungen und fruchtbare Konfrontationen machten. Vor vier Jahren entstanden der Wunsch und die  Idee, gemeinsam ein Fest in Verbindung von Musik, Kunst und Diskurs im Viertel zu zelebrieren. Eher unbedarft, mit einer gewissen Leichtigkeit im Sein, wurde der Lendwirbel geboren.

 

Diese gemeinsame Aktion auf den Straßen und Plätzen, an einem sonnigen Maiwochenende im Jahr 2008, hat das  Geschehen vor Ort nachhaltig beeinflusst und die bisherige Dynamik weiter verstärkt. Der Lendwirbel wurde zu einem gelebten Zustand, innerhalb dessen unterschiedliche Standpunkte, Sichtweisen und Motivationen aufeinandertreffen, sich in einer lustvollen Art und Weise verdichten und zu einer gegenseitigen Bereicherung führen. Dafür möchten wir uns bei den vielen Beteiligten bedanken!
Den Lendwirbel sehen wir als Akt der Öffnung des Stadtraums, der uns gerade in Zeiten einer zunehmenden Reduktion des öffentlichen Raums auf Aspekte der Kommerzialisierung und des Konsums wichtig erscheint. Mit dem Trend zur kommerziellen Privatisierung geht eine selektive Kontrolle des öffentlichen Raums einher: Unerwünschte Verhaltensweisen werden verboten und so bestimmte soziale Gruppen aus unserem Blickfeld, dem Stadtraum und damit aus unserer Gesellschaft, verdrängt. Mit zunehmender Kontrolle gehen steigende Ängste einher, welche die Entwicklung unserer Gesellschaft blockieren.
Aber: Viele Menschen verspüren wieder verstärkt den Wunsch und die Lust, ein aktiver Teil unserer gesellschaftlichen Entwicklung zu sein. Eine Möglichkeit zur konkreten Teilhabe bietet der uns direkt umgebende Lebensraum. Hier können wir über Interventionen und Aktionen, klein oder  groß, eine Steigerung von Wohlbefinden, Sicherheit, Authentizität und damit Gesundheit und Lebensfreude erreichen. Dies hat wohlgemerkt wenig mit dem Design von städtischen “Benutzeroberflächen” zu tun, sondern mit der feinstofflichen Ebene sozialer Beziehungen.

 

Der „Lendwirbel“ besteht aus einem sich ständig verändernden sozialen Netzwerk von Menschen mit dem gemeinsamen Anliegen, den städtischen Raum zu nutzen und dadurch Teil einer öffentlichen Auseinandersetzung zu sein. Es geht um die Frage: Wie wollen wir in unserer Stadt leben und wie kann das Zusammenleben bestmöglich funktionieren? Das Lendwirbel-Netzwerk ist in den letzten Jahren rasch gewachsen und hat sich zu einer Art sozialen Bewegung formiert. Weil das so nicht geplant war, besteht ein Unterschied zu anderen Initiativen: Im Vordergrund steht kein singuläres Problem, das wir lösen wollen. So gibt es auch keinen eindeutig festgeschriebenen Zweck und es gibt keine statutenhafte Organisationsstruktur.
Vielmehr geht es um eine freie, lustvolle und aktive Gestaltung unseres Lebensraums. Dabei glauben wir an die Qualität der Offenheit: Durch die Integration von Unterschiedlichem gewinnen Netzwerke an Substanz. Verschiedene Menschen und Milieus – ausgestattet mit unterschiedlichen Ressourcen der Teilhabe – sollen die Möglichkeit bekommen, Teil dieser Auseinandersetzung im Stadtteil zu sein. Für dieses Zusammenwirken braucht es Schnittstellen, Unterstützung und das Abreißen von bestehenden
Barrieren. Dafür steht der Lendwirbel und ruft auf, gemeinsam in diese Richtung wirksam zu sein. Erst so kann jene Kreativität gedeihen, welche heute als so wesentliches Gut unserer Gesellschaft angesehen wird, und über die jeder Mensch verfügt. Nur durch die Schaffung dieser konkreten Handlungs- und Gestaltungsspieloptionen kann unser Stadtraum für alle BewohnerInnen ein lebendiger und lebenswerter Raum sein.

 

Wir freuen uns über die positive Wahrnehmung des Lendwirbels als gutes Beispiel für Stadtentwicklung, Integration und Wirtschaftsentwicklung durch unterschiedliche (öffentliche) Bereiche. Der Zuspruch bringt für uns auch eine gewisse Verantwortung mit sich: Uns geht es um konstruktive, aber auch
kritische Kooperation: Jede Initiative ist eingeladen Teil des Lendwirbels zu sein, wenn es ihr um die positive Weiterentwicklung des gesellschaftlichen Zusammenlebens in unserer Stadt geht. Die Definition einer positiven  Entwicklung kann jedoch nicht durch eine Instanz festgelegt werden, sondern
ist Resultat eines gemeinschaftlichen Aushandlungsprozesses. In diesem  Sinne wollen wir im Lendwirbel einen Raum des Diskurses schaffen und verwehren uns auch gegen Vereinnahmungen und die Positionierung von Marken und Labels im öffentlichen Raum. Wir bedanken uns bei den UnterstützerInnen des Lendwirbels für ihr diesbezügliches Verständnis.
Seit März 2011 trägt die Stadt Graz den Titel „City of Design“. Auch der Lend mit seinem Wirbel wurde in der Bewerbung als Argument für die Verleihung des Titels angeführt. Wir möchten deswegen klarstellen: Dieser Titel darf nicht zur Legitimierung einer weiteren Oberflächenbehandlung unserer Stadt im Zuge einer Standortvermarktung genützt werden. Vielmehr wollen wir ihn als Start  für einen ernsthaften Auseinandersetzungsprozess sehen: Es empört uns, wenn in unserer Stadt Gesetze erlassen werden, die zur selektiven  Verbannung bestimmter sozialer Milieus aus dem gesellschaftlichen Leben führen. Ja es stimmt, Begegnungen im öffentlichen Raum können manchmal  zu unangenehmen Konfrontation mit Realitäten führen. Zunehmende Armut ist eine solche problematische Realität, die durch eine Aus-den-Augen-aus-dem-Sinn-Politik sicher nicht gelöst wird. Um Zynismus handelt es sich, wenn das Bettelverbot als humanistische Idee zum Schutz der BettlerInnen dargestellt wird. Wir wundern wir uns über die Kurzsichtigkeit der Stadtpolitik: Gerade die Toleranz in einer Gesellschaft wird als wesentlicher Faktor für die  Entwicklungsmöglichkeit von kreativen Milieus an bestimmten Orten angesehen.
Die Stadt Graz hat sich im Jahr 2003 von einer offenen und kosmopolitischen Seite gezeigt. Ein nachhaltiger Effekt war sicherlich, dass vor allem junge  Menschen nach ihrer Ausbildung das Gefühl hatten in dieser Stadt eine Heimat finden zu können. Wir hoffen, dass sich die Stadt Graz wieder auf
diese Qualitäten besinnt um zu verhindern, dass bestimmte Tendenzen zu einem langsamen Tod der kreativen Milieus durch eine Abwanderung von diesem Stand-Ort, unserer Stadt, die wir lieben, führen.

 

Apropos „Kreativwirtschaft“ (ein Label, das uns von Anfang an zugeteilt wurde): Wir finden den Begriff der „Kreativwirschaftsszene“ völlig überstrapaziert. Und wir sehen uns auch nicht als kreative Industrie.
Wie wir wissen, ist das Industriezeitalter vorbei. Wir erleben im Moment einen epochalen Wandel, der uns unmittelbar betrifft: Fordistisch gestaltete Produktionsprinzipien nationalstaatlicher Organisationslogik führen zu den Systemkrisen, die täglich in den Zeitungen beschrieben stehen. Wir leben in einer transkulturellen Gesellschaft, in der es darum geht, das Wissen und die kreativen Ressourcen aller Menschen nutzbar zu machen. Wir wollen Teil der Gestaltung unserer post-industriellen, kreativen Gesellschaft sein. Die  Möglichkeit der aktiven Teilhabe aller BürgerInnen an gestaltenden Prozessen ist dabei das oberste Prinzip.
Der Lendwirbel bemüht sich um das kritische Hinterfragen der eigenen Rolle und um Selbstreflexion. Uns ist die Gefahr bewusst, dass wir möglicherweise Teil einer Entwicklung sind, die zu einer Veränderung des sozialen Gefüges im Stadtteil führen kann. Seit der Lend als Szeneviertel gilt, gibt es Veränderungen der baulichen Substanz, die wiederum unmittelbar die Höhe von Wohnungsmieten betreffen. Das wird als Gentrifizierung bezeichnet. Diese Entwicklung wollen wir beobachten und wenn geht dagegen steuern. Bestehende Images von der „schlechten Murseite“ möchten wir in einem
kreativen Prozess zerstören. Es muss sich jedoch um einen Prozess handeln, in dem deutlich wird, dass Integration und Miteinander ein lustvolles und bereicherndes Experiment sein können. Für die Zukunft des Zusammenlebens und für die Entwicklung unserer Stadt, brauchen wir  gemeinsamekulturgrenzenübergreifende Aktivitäten und Ideen, die bis in den schlichten Alltag unseres Zusammenlebens greifen können.

 

In diesem Sinne wollen wir, dass der Lendwirbel selbst immer wieder einem kreativen Zerstörungsprozess unterlegen ist. So vermeiden wir, heute etwas festzuschreiben und Strukturen aufzubauen, die Gefahr laufen der Schaffung und Erhaltung der Macht von morgen dienlich zu sein. Wir hoffen, dass auch dieses Manifest in einer konstruktiven Herangehensweise künftig von unterschiedlich kreativen Menschen, entsprechend dem Verlauf der  Geschichte, hinterfragt und weitergeschrieben wird.
Um das zu ermöglichen fordern wir:
OFFENE RÄUME
Einen öffentlichen Raum, der als Basis gelebter Demokratie funktioniert. Die NutzerInnen dieser Räume sollen nicht auf die Rolle von KonsumentInnen reduziert werden, sondern Möglichkeiten haben, die selbstbestimmten BürgerInnen entsprechen. Strassen, Plätze und Gassen wollen wir so gestaltet
sehen, dass Begegnungen zwischen unterschiedlichen Menschen und Milieus möglich sind und nicht die Gestaltung des Designs im Vordergrund steht. Einen öffentlichen Raum, in dem es Erlaubtes an Stelle von Verbotenem gibt. Konflikten sind dabei nur unvermeidbar. Nur so können wir eine kultivierte Konfliktfähigkeit erlernen und wiedererlangen, die entscheidend für die Zukunft unserer Gesellschaft sein wird!
OFFENE TAUSCHSYSTEME
Ein Gesellschaftssystem, wo die Stärken und Ressourcen aller Menschen zur Geltung kommen können. Gegenwärtig werden viele gesellschaftliche Potentiale beschnitten, weil eine eindimensionale Sichtweise auf Grundlage einer bestimmten Marktlogik das Geschehen dominiert. Zur Steigerung unseres eigentlichen Bruttosozialprodukts müssen wir ökonomisch orientierte Handelsbarrieren abreißen und Plattformen schaffen, um den Austausch von Können, Talent und Kreativität zu ermöglichen. So können wir benachteiligte Menschen unterstützen, Identitäten und lokale Ressourcen stärken und die Entwicklung unserer Gesellschaft forcieren. Freiwillige, gemeinwohlorientierte Arbeit und soziales Kapital sind gerade in Zeiten knapper Budgets von immenser Bedeutung und müssen entsprechende Wertschätzung erfahren. Hier liegen lokale Antworten auf steigende Armut und globale Krisenerscheinungen.
OFFENE ENTSCHEIDUNGSSTRUKTUREN
Politische Ausverhandlungsprozesse auf Grundlage eines offenen und konstruktiven Diskurses mit den BürgerInnen sind für uns eine Notwendigkeit. Es gibt gegenwärtig eine zunehmende Tendenz, politische Diskurse zurückgezogen hinter verschlossenen Türen zu führen und die BürgerInnen mit vollendeten Tatsachen zu konfrontieren. Oder Gesetze zu beschließen, hinter denen die EntscheidungsträgerInnen eine demokratische Mehrheit wähnen und die Rechte von Minderheiten ignorieren. In so einer Gesellschaft wollen wir nicht leben. Deswegen fordern wir Teilhabe für alle innerhalb des gesellschaftlichen Gestaltungsspielraums. Damit meinen wir keine BürgerInnenbefragungen und Projektbeteiligungen als Alibiaktion. Es geht uns um die Schaffung einer neuen Kultur unter Berücksichtigung des veränderten Kommunikations- und Informationsverhalten. Wir glauben an die Intelligenz der Vielen, wenn wir alle Teil eines offenen, gleichberechtigten Diskurses sind. Durch diese gebündelte Kreativität wird es möglich, Lösungen für all die gegenwärtigen dringlichen Fragen und Problemstellungen zu kreieren.
Dieser Text wurde in synchroner Zusammenarbeit auf einer Onlineplattform von zahlreichen Beteiligten des Lendwirbels verfasst. Vor 15 Jahren haben wohl die wenigsten von uns gedacht, dass so etwas heute möglich ist. In diesem Sinne wissen wir nicht, wie sich die Zukunft darstellen wird. Aber wir alle sollen die Möglichkeit des Mitwirkens haben und nutzen, wenn es um die Gestaltung unserer gesellschaftlichen Entwicklung geht!